ITB Berlin 2012: Bloggen top, Facebook flop? Die digitale Wende im Tourismusbereich

Dass die Veranstalter der ITB diesmal die Blogger-Szene eingeladen haben, war keine Randerscheinung der Messe, sondern markiert ein Umkehrpunkt im Tourismus-Marketing. Man war sich einig, dass die Zukunft der Internet-Tourismuspromotion dem Bloggen gehört. – Dem Bloggen? Das ist doch eigentlich nichts Neues! Blogger gibt es seit mindestens zehn Jahren. Lebt also jetzt ein „altes“ Internetmedium wieder auf?

Fremdenverkehrsämter haben den Trend schon lange erkannt. Viele von ihnen behandeln seit Jahren einen einflussreichen Blogger gleichermaßen als „Informationsschaltstelle“ wie einen Journalisten. Ein interessanter Blog kann inzwischen durchaus mehr Leser anziehen als eine Reportage in der Zeitung. Und er befindet sich sofort in dem Medium, in dem der Leser auch buchen kann.

Aber warum gerade Blogging und nicht die Top-Trends von Social Media, Facebook und Google Plus, die derzeit in aller Munde sind? In den Marketing-Abteilungen, erzählt man sich inzwischen hinter vorgehaltener Hand, dass die sozialen Netzwerke zwar sehr schön für das Knüpfen von Bekanntschaften und die Pflege von Kundenkontakten sind, ihre Effizienz für die Reisebranche aber (noch ?) in den Sternen steht. Einer hat es sogar ausgeplaudert. Für Christian Saller von der Flugsuchmaschine Swoodoo sind Social Media „völlig überbewertet“. Das klingt fast wie der Ausruf des Kindes aus dem Märchen des Kaisers neue Kleider: „Aber er hat ja gar nichts an!“

Obwohl das Internet bei der Reisevorbereitung inzwischen eine große Rolle spielt, loggt sich niemand, der eine Reise buchen will, in Facebook ein. Er sucht entweder in einer Suchmaschine, einem Preisvergleich oder schaut sich Bewertungsportale wie TripAdvisor oder Holidaycheck an. Findet er per Suchmaschine einen interessanten und authentischen Reisebericht, häufig als Blog, liest er ihn aufmerksam durch. Das Hauen und Stechen um die ersten Plätze in der Google-Suche hat schon seit einiger Zeit begonnen. Die großen Reiseportale leisten sich eine ganze Abteilung von Weboptimieren und Suchmaschinen-Experten. Wer da oben landet, macht das Geschäft.

Inzwischen ist klar: Gedruckte Kataloge wird es in Zukunft immer weniger geben. Sie sind teuer und wenden sich nur noch an ein Nischenpublikum. Die Frage ist nun nicht mehr, ob ein Internet-Format das Rennen macht, sondern welches. Viele Vertreter auf der ITB-Messe erlebt an ihrem Stand dieses Jahr häufig, dass die Besucher das dicke gedruckte Reise-Portfolio dankend ablehnen mit der Bemerkung: „Wenn Sie das alles online haben, brauche ich kein Papier.“ Freilich könnte auf diese Weise die ITB das gleiche Schicksal ereilen wie die einst große Messe „Internetworld“: Niemand weiß so richtig, warum er noch dorthin fahren soll, wenn alles ohnehin im Netz steht und man einen netten Chat auch per Skype führen kann.

 

Nachtrag 30.04.2012: Neckermann stellt alle Print-Kataloge ein und will zum reinen Online-Händler werden. Wäre interesannt, zu erfahren, ob das langfristig auch die Neckermann-Reisen betreffen wird. Die gehören allerdings zur Thomas Cook AG und nicht zu Arcandor.

Lars Göhler

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